Blick auf die Getränkeindustrie und die Konsumtrends in Nordeuropa

Die Getränkemärkte in Nordeuropa verändern sich spürbar. Während der Alkoholkonsum in vielen Regionen stagniert oder sinkt, wachsen funktionale Getränke, Energy Drinks und alkoholfreie Konzepte dynamisch. Gleichzeitig bleibt Bier als emotionales und gesellschaftliches Produkt fest verankert. Aktuelle Marktdaten aus Skandinavien, dem Baltikum sowie Großbritannien und Irland zeigen, wie sich Konsumgewohnheiten verschieben – und welche Chancen sich daraus für die Getränkeindustrie in Europa ergeben.

Veröffentlicht am 20/05/2026

Marketing & Vertrieb
Alkoholfreie Getränke
Bier

Ein Beitrag von

Lucia Baier

Content Managerin

YONTEX GmbH & Co. KG

Was die Entwicklungen in Skandinavien, dem Baltikum sowie UK und Irland für die europäische Getränkewirtschaft bedeuten

Der europäische Getränkemarkt differenziert sich zunehmend aus. Besonders deutlich wird das beim Blick nach Nordeuropa: Während Konsumentinnen und Konsumenten verstärkt auf Gesundheit, Leistungsfähigkeit und flexible Konsumanlässe achten, bleibt zugleich das Bedürfnis nach Gemeinschaft, Verlässlichkeit und emotionalen Markenerlebnissen hoch. Für Getränkehersteller entstehen daraus neue Anforderungen – aber auch neue Wachstumschancen.

Funktionale Getränke gewinnen an Bedeutung

Vor allem Energy- und Sportgetränke entwickeln sich in vielen Märkten dynamisch. In Großbritannien stieg der Pro-Kopf-Konsum laut Statista Market Insights zwischen 2018 und 2025 von 8,15 auf 9,88 Liter, in Irland von 5,3 auf 7,46 Liter. Beide Märkte liegen damit deutlich über dem europäischen Durchschnitt von 6,44 Litern pro Kopf im Jahr 2025. Noch ausgeprägter zeigt sich die Entwicklung in den nordischen Ländern. Dort lag der Pro-Kopf-Konsum von Energy- und Sportgetränken 2025 bei 11,26 Litern und damit fast doppelt so hoch wie im europäischen Mittel. Auch RTD-Tee- und Kaffeegetränke entwickeln sich dynamisch.
Die Gründe dafür reichen über klassische Lifestyle-Themen hinaus. Konsumenten suchen zunehmend Produkte, die Funktionalität, Flexibilität und individuellen Nutzen miteinander verbinden. Getränke werden stärker anlassbezogen und bedürfnisorientiert ausgewählt – etwa für Energie, Konzentration, Regeneration oder bewussten Genuss. 

Alkoholfreie Biere legen deutlich zu

Parallel dazu gewinnen alkoholfreie Biere weiter an Relevanz. Besonders in Großbritannien wächst das Segment dynamisch: Der Pro-Kopf-Konsum alkoholfreier Biere legte zwischen 2018 und 2025 – ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau – um 72 Prozent auf 1,07 Liter zu. Europaweit erhöhte sich der Wert im selben Zeitraum um 42 Prozent auf 2,7 Liter pro Kopf.
In den nordischen Ländern liegt der Konsum alkoholfreier Biere derzeit noch vergleichsweise niedrig. Gleichzeitig zeigt genau dieser Umstand das Entwicklungspotenzial der Kategorie. Für Brauereien eröffnen sich Chancen, alkoholfreie Sortimente weiterzuentwickeln und stärker auf unterschiedliche Konsumanlässe auszurichten.
Auch die baltischen Märkte entwickeln sich zunehmend dynamisch. Dort steigt nicht nur der Konsum alkoholfreier Getränke insgesamt, sondern auch die Offenheit gegenüber neuen Getränkekategorien und hybriden Konzepten.

Bier bleibt emotional relevant

Trotz aller Veränderungen bleibt Bier in vielen Märkten tief verankert. In Großbritannien liegt der Pro-Kopf-Konsum weiterhin bei rund 54 Litern, in Irland bei fast 63 Litern.
Die Bedeutung von Bier geht dabei längst über das Produkt selbst hinaus. Gerade in wirtschaftlich und gesellschaftlich unsicheren Zeiten gewinnen Aspekte wie Gemeinschaft, Atmosphäre, Herkunft und Verlässlichkeit an Bedeutung. Biermarken profitieren davon, weil sie emotionale Räume schaffen können – in Gastronomie, Events oder sozialen Situationen. „Biermarken eignen sich ideal dazu, Orte, Atmosphären und Stimmungen zu schaffen, an denen ein Gemeinschaftsgefühl erlebt und in den Mittelpunkt des Erlebnisses gestellt werden kann“, erklärt Institutsexperte Paul Bremer, rheingold Institut, „Biermarken und Gastronomie sollten Orte bieten, die ein Gefühl der Zusammengehörigkeit vermitteln.“
Analysen des rheingold Instituts zeigen außerdem, dass Konsumenten heute stärker zwischen unterschiedlichen Bedürfnissen wechseln: Einerseits möchten sie gesund, leistungsfähig und flexibel bleiben, andererseits suchen sie bewusst nach gemeinsamen Erlebnissen und emotionaler Nähe.

Anlassbezogener Konsum verändert die Getränkewelt

Das ist auch der Grund, warum, es bei all den neuen Konsumtrends nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch geht. Morgens ein funktionales Getränk zur Stärkung der Immunabwehr; mittags ein Energy Drink, um im Job fokussiert zu bleiben; nach dem Workout ein Proteinshake und abends ein Wellness Getränk mit Kräuterinfusion, das die Relax-Phase einleitet und einen ruhigeren Schlaf verspricht. Und am Wochenende ein (alkoholfreies) Bier mit Freunden in einer Bar oder die Weinbegleitung im Restaurant. Kein Wiederspruch, sondern die neue Lebenswelt vieler Konsumentinnen und Konsumenten und eine Verschiebung hin zu neuen Erwartungen an Getränke. „Konsum orientiert sich weniger an klassischen Kategorien und stärker an individuellen Bedürfnissen, Nutzungssituationen und zusätzlichen Funktionen,“ beschreibt Bremer den Wandel.
Für Hersteller entstehen daraus Ansatzpunkte, bestehende Angebote weiterzuentwickeln und neue Produkte gezielt in bestehende Strukturen einzubinden. Getränkeproduzenten müssen zukünftig viele verschiedene Bedürfnisse bedienen können, um für eine möglichst breite Zielgruppe relevant zu sein.

Neue Anforderungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Getränkeindustrie

Die aktuellen Entwicklungen betreffen nicht nur Produktideen, sondern die gesamte Getränkeproduktion – von Rohstoffen und Rezepturen bis hin zu Abfüllung, Verpackung und Anlagentechnik.

Gefragt sind zunehmend flexible Produktionslösungen, mit denen sich unterschiedliche Getränkekategorien wirtschaftlich abbilden lassen. Hersteller müssen schneller auf Marktveränderungen reagieren, neue Produkte testen und verschiedene Konsumanlässe bedienen können.

Genau diese Fragestellungen stehen auch im Fokus der BrauBeviale 2026 in Nürnberg. Die Messe greift die aktuellen Marktveränderungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette auf – von alkoholfreien Konzepten und funktionalen Getränken bis hin zu neuen Anforderungen in Produktion und Prozessoptimierung.