Time for opportunities: Trends und Chancen für die Getränkeindustrie

Früher war das Konsumverhalten leichter zu verstehen. Ging es einst um Grundbedürfnisse wie Hunger und Durst, müssen Getränke heute einen bunten Strauß aus Lifestyle-, Wellness- und Ethikaspekten abdecken. Damit nicht genug: Viele dieser Trends konkurrieren miteinander, sind immer schnelllebiger, spezialisierter und globaler. Das klingt nach großen Herausforderungen, aber gleichzeitig nach unheimlichen Chancen für die Getränkeindustrie. Ganz im Sinne des BrauBeviale-Leitthemas „Time for opportunities“, zeigt eine aktuelle Bestandsaufnahme, welche Entwicklungen Impulse für die Getränkehersteller bieten.

Veröffentlicht am 26/02/2026

Marketing & Vertrieb
Technik & Technologie
Alkoholfreie Getränke
Bier

Ein Beitrag von

Dr. Jörg Bückle

freier Autor und Branchenexperte

Wie kann die Getränkeindustrie vom Wandel der Konsumgewohnheiten profitieren?

In einem Berliner Kaffee, Prenzlauer Berg. Am Nachbartisch postet der Influencer die neuesten Life-Style-Trends der Hauptstadt. Vor sich auf dem Tisch: Ein koffeinfreier Cappuccino mit geschäumter Hafermilch. Vor hundert Jahren wäre es noch ein Pastis, ein Absinth oder ein anderer Aperitif gewesen. Die Zeiten ändern sich.

Zugegeben, ein etwas abgegriffenes Bild. Aber ein äußerst aussagekräftiges, die Fakten untermauern das. Tranken die Deutschen 1995 fast 130 Liter Bier pro Kopf im Jahr, waren es 2024 nur noch rund 88 Liter. Auch 2025 setzte sich der Rückgang fort. Alkoholfreies Bier übersprang gleichzeitig beim Handelsumsatz erstmals die Marke von 10 Prozent. Gleiches Bild bei der Weinnation Frankreich. Während 1960 pro Jahr pro Kopf 120 Liter Wein konsumiert wurden, sind es derzeit nur noch zwischen 30 und 40 Liter pro Jahr und Kopf. Das gemütliche Feierabendbier und der Rotwein am Kamin wurden und werden also abgelöst. Aber von wem oder was konkret?

Selbstoptimierung durch funktionale Getränke

Zurzeit stehen vor allem aktivierende oder selbstoptimierende Produkte für den nächsten Marathon oder die „ewige Jugend“ hoch im Kurs. Oder provokant ausgedrückt: Um sich oder etwas anderes wichtiges zu verbessern, ist Genuss schlicht verschwendete Zeit. „Survival of the Fittest“ ist wörtlich zu nehmen.

Proteine, Spurenelemente, Kreatin, Spermidin, Biotin, NAD+-Vorstufen, Antioxidantien, Mikrobiom, speziell komponierte Energielieferanten sind hier einige Schlagworte. Aber, und das ist ganz entscheidend, alle gewünschten Komponenten müssen als Dienstleistung in einem Produkt fertig konfektioniert sein. „One Shot fits all.“ Denn: Am Ewigtrend Convenience führt weiterhin kein Weg vorbei. Spannend für einen Getränkehersteller wird es deshalb sein, wie all diese neuen Zusatzstoffe und Zusatznutzen in der Produktion und Abfüllung richtig einzusetzen sind. Wie wirkt sich deren Zugabe beispielsweise auf das Ausmischen, den Geschmack, die Mikrobiologie oder die Haltbarkeit der geplanten Innovation aus? Auf diese technologischen Aspekte wird in einem der nächsten Artikel noch konkreter eingegangen.

Kleine, unvernünftige Fluchten: Konsum als Ausgleich und Ablenkung

Freilich finden in dieser durchoptimierten Welt auch unvernünftige Fluchten statt. Der sogenannte Lipstick-Effekt ist eine, wenn auch kleine Nische für hochpreisige Produkte. Dahinter steht das Konsumentenbedürfnis, sich in einer zunehmend wirtschaftlich herausfordernden Welt – Stichworte: Arbeitsplatz und Inflation – ab und an eine Kleinigkeit zu gönnen. Das kann ein edler Lippenstift genauso sein wie ein Crémant oder trendige Cocktails. Übrigens: Der Blick in die Bar-Szene ist immer ein lohnender. Hier haben nicht wenige überaus erfolgreiche Produktideen mit oder ohne Alkohol ihren Ausgangspunkt. 

Fermentiertes und Infusionen eröffnen neuen Geschmackswelten

Gleiches gilt für die gehobene Gastronomie. Seit Jahren ist in dieser die Fermentation ein zentrales Thema, vor allem in der angesagten skandinavischen und asiatischen Küche. Ein Trend, der sich zunehmend auch auf der Getränkekarte wiederfindet. Proxies sind beispielsweise eine neue Kategorie eigenständiger, komplexer Getränke. Hier kommen fermentierte Getränkebasen wie Kefir oder Kombucha, aber auch Infusionen aus Tee, Kräuter, Wurzeln, Gemüsen und Essig zum Einsatz. Diese sollen – und das ist ganz wichtig – nicht den Wein oder Sekt als Essensbegleiter nachahmen. Vielmehr geht es darum, dem Konsumenten ganz neue Geschmackswelten zu eröffnen. 

Produktinnovation und Portfolioerweiterung in der Getränkeproduktion

Ein zuckerhaltiger Extrakt, gewonnen aus Früchten oder Getreide, mikrobiologisch fermentiert, still oder karbonisiert angeboten und gegebenenfalls mit weiteren nativen Komponenten verfeinert. Klingt irgendwie bekannt. Ist es auch. Nur haben sich zum Beispiel die Brauer bislang auf die alkoholische Gärung konzentriert. Auch der Blick auf deren Treber ist ein durchaus attraktiver. Der Weg von der Hafer- zur Trebermilch ist nur ein kurzer. Und diese könnte wiederum mit Kwass-Kulturen fermentiert… Der Blick über den Tellerrand wird immer wichtiger. Man muss das Rad ja nicht immer neu erfinden.

Der Wunsch nach Vertrautem: „Heritage“ als Chance für Traditionsmarken

Nicht zuletzt wendet sich die junge Generation – zwar noch schüchtern, aber erkennbar – vom „Monopol“ der neuen Medien ab. Die Nachfrage nach gedruckten Büchern, analogen Schallplatten und Musikkassetten sowie Sofortbildkameras sind hierfür nur einige repräsentative Signale. Die politisch und wirtschaftlich immer unübersichtlicheren Zeiten verstärken zudem den Wunsch nach Vertrautem. Der Boom der Retro-Sneaker ist hier ein gutes Beispiel. Warum also nicht die Nische Nostalgie zur Strategie machen? Zumindest für Traditionsunternehmen oder -marken ist das eine potenzielle Chance. Schließlich können Start-ups die „Trumpfkarte Heritage“ einfach nicht spielen. Das Angebot muss jedoch behutsam modernisiert sein. Vertrauter Wein in aktualisierten Schläuchen, sozusagen. 

„Time for opportunities“ in allen Facetten vom Rohstoff bis zum Point-of-Sale

Funktionale Zusatzstoffe, die Vielfalt der Fermentation, Portfolioerweiterung jenseits von bekannten Produkten oder doch das Besinnen auf die Tradition, um die nostalgische Nische zu besetzen. Was bedeuten jetzt die skizzierten Szenarien für die Hersteller von Getränken? „Time for opportunities“! Höchste Zeit die neuen Chancen aufzugreifen. Genau dazu will die BrauBeviale 2026 mit diesem Leitthema einladen. Es geht um Impulse, Inspiration und praxisorientierte Lösungen. Einen Trend zu erkennen und ein dafür passendes Angebot zu entwickeln, das ist das eine. Es erfolgreich herzustellen und zu vermarkten, das andere. Denn dazu muss die Produktion maximal effizient und flexibel sein, muss das gewünschte Produkt von den Inhaltsstoffen über die Herstellung bis hin zur Logistik möglichst wirtschaftlich und ressourcenschonend realisiert werden können. Umso vorteilhafter für den Fachbesucher der BrauBeviale ist es daher, dass alle relevanten Technologien, Dienstleistungen und Innovationen vom 10. bis 12. November 2026 in Nürnberg in allen Facetten zu sehen sein werden – vom Rohstoff über die Herstellung, das Abfüllen und die Verpackung bis hin zur Vermarktung am Point-of-Sale. Begleitet von einem Rahmenprogramm, das die vielfältigen „opportunities“ herausarbeitet und handhabbare Lösungen zeigt.