Ein Beitrag von
Annick Seiz
Genussbotschafterin
Der weltweite Wandel in der Getränke- und Lebensmittelindustrie könnte unter dem Motto „vergolden statt verbrennen“ zusammengefasst werden, denn die Zukunft gehört dem Upcycling. Hierbei geht es darum, die eigene Wertschöpfung zu erhöhen, indem Abfall- und Nebenprodukte auf kreative Weise in neue, nachhaltige Konsum- und Industriegüter von höherer Qualität aufgewertet werden.
Veröffentlicht am 14/07/2026
Ein Beitrag von
Annick Seiz
Genussbotschafterin
Rest- und Nebenprodukte
Was lange als Abfall galt, wird im Zuge von Ressourcenknappheit, Klimaschutz und veränderten Marktbedingungen zum wertvollen Rohstoff für neue Geschäftsfelder. Anders als klassisches Entsorgen oder Recycling, das je nach Material mit einem Qualitätsverlust verbunden sein kann, wertet Upcycling Reststoffe auf und führt sie als hochwertige Produkte in den Kreislauf zurück.
Aus großen Herausforderungen…
…entstehen großartige Ideen
Bisherige Recycling-Maßnahmen sind sicherlich sinnvoll, können aber auch gleichzeitig eine verpasste Chance angesichts der globalen Ressourcenknappheit sein.
Die Fakten sprechen für sich:
Die Absätze für alkoholische Getränke gehen weltweit zurück. Hersteller suchen nach neuen Wegen der Wertschöpfung, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Kaum eine Branche ist so drastisch von den Folgen des Klimawandels betroffen wie die Wein-, Bier- und Obstbetriebe. Anpassung an klimatische Bedingungen sowie eine Investition in nachhaltige Konzepte sind für sie längst keine Option mehr, sondern eine dringende Notwendigkeit!
Welche Gründe sprechen für Upcycling:
Anstatt Rest- und Nebenstoffe zu verbrennen oder in der (Massen)Tierhaltung einzusetzen ist es nachhaltiger, zeitgemäßer und vor allem auch lukrativer, sie zu Lebensmitteln, Verpackungen, Kosmetik, Kleidung, Möbeln oder sogar Baustoffen zu veredeln. Besonders groß ist das Potenzial bei Bier, Kaffee und Wein, weil hier Nebenprodukte in großen Mengen anfallen.
Wie jedoch gelingt diese Transformation, und wer sind die treibenden Kräfte hinter diesem Paradigmenwechsel?
Biertreber macht rund 85 % aller Nebenprodukte einer Brauerei aus. Statt zu Tierfutter, kann er zu Protein-Snacks für Sportler (z.B. Yeastup) oder Kosmetik (z.B. UpFiber) verarbeitet werden. Ein Pionier auf diesem Gebiet ist die Schweizer UpGrain AG. Das Startup betreibt die derzeit größte Food-Upcycling-Anlage Europas. Pro Jahr werden hier bis zu 25.000 Tonnen Biertreber zu Spezialmehl mit 27 % Protein und 47 % Ballaststoffen verarbeitet. Weitere Produkte sind Gerstenprotein- und Gerstenfaserkonzentrate für die Herstellung von Brot, Snacks, Pasta oder Ei-und Fleischersatzprodukten. Mit Trendprodukten wie proteinreichen Chips aus Biertreber und Hefe (z.B. Brauerei Locher) oder pflanzlichen Joghurts, Drinks und Puddings (z.B. ProteinDistillery GmbH) befindet man sich direkt am Puls der Zeit.
Klassische Anlagenbauer und Brauereitechnik-Unternehmen beschäftigen sich zunehmend mit der energetischen und stofflichen Verwertung von Nebenprodukten aus der Bierproduktion wie z.B. der Biomasse-Konversion von Biertreber, Malzstaub und Hefe zu Protein-Hydrolysat, Mineraldünger und Biogas. Mit derartigen Modellen können kleine bis mittelgroße Betriebe jährlich bedeutende Mengen CO₂ einsparen, einen Teil ihres Energiebedarfs aus der eigenen Produktion decken, sowie auch überschüssige Rohstoffe weitervermarkten.
In den USA arbeiten Unternehmen ebenfalls daran, Nebenprodukte aus der Lebensmittelproduktion in neue Zutaten oder Konsumprodukte zu überführen, wie z.B. Spezialmehl aus Biertreber oder Gerstenprotein für Sportlernahrung.
Auch umgekehrt funktioniert der Ansatz: Großbritannien beweist mit Toast Ale, wie dank Upcycling soziales Engagement, Zero Waste Policy und unternehmerischer Erfolg Hand in Hand gehen. Dort wird Craft-Bier unter anderem aus überschüssigem Brot statt ausschließlich aus Gerste gebraut. Brot, das in Bäckereien und Supermärkten sonst häufig entsorgt würde. Angesichts der weltweiten Lebensmittelverschwendung ist Toast Ale ein vorbildliches Beispiel für gelebte Kreislaufwirtschaft. Ein Teil der Gewinne fließt zudem in Umweltprojekte.
Ein Gewinn auf so vielen Ebenen!
In Deutschland entstehen jährlich Unmengen an Kaffeesatz. Anstatt diesen Rohstoff wie bisher zu entsorgen, gibt es in der deutschen Startup-Szene bereits einige Beispiele für kreatives Upcycling. Darunter auch „Kaffeeform“. Das 2015 vom Berliner Designer Julian Lechner gegründete Unternehmen presst aus 40% Kaffeesatz und 60% Biopolymer stabile, spülmaschinenfeste Tassen und To-go-Becher. Der Kaffeesatz wird von Fahrradkurieren in Cafés, Restaurants und Röstereien eingesammelt, in einer sozialen Werkstätte getrocknet und anschließend mit Holzmehl, Zellulose und einem pflanzlichen Polymer zu Granulat verarbeitet. Ähnliche Ansätze finden sich auch bei weiteren Unternehmen, die Kaffeesatz zu neuen Materialien oder Produkten verarbeiten (Möbel, Gastro-Artikel).
Auch für die Kosmetik- und Lebensmittelindustrie ist Kaffeesatz interessant. Das dänische Unternehmen Kaffe Bueno nutzt die in Kaffeesatz enthaltenen Antioxidantien, Fettsäuren und exfolierenden Eigenschaften für Peelings, Seren und andere Hautpflegeprodukte. Unternehmen wie GroCycle (UK) nutzen Kaffeesatz biotechnologisch als Nährboden für Austernpilze, die als vegetarische Proteinquelle an Restaurants verkauft werden. Auch die Kaffeekirschen-Hülle (Cascara) erfährt als Getränkezutat und Rohstoff ein Comeback: Marken und Unternehmen nutzen sie für Limonaden oder für weitere Lebensmittelprodukte.
Der Kaffeesektor verdeutlicht damit besonders gut, wie aus einem alltäglichen Reststoff mehrere Wertschöpfungsstufen entstehen können. Aus einem Produkt, das früher fast ausschließlich weggeworfen wurde, werden heute mit der Verbindung von Design, Funktion und Nachhaltigkeit hochwertige Nahrungsmittel, Pflege- und langlebige Alltagsprodukte.
Auch im Bereich neuer Materialien für Mode und Design werden Reststoffe aus der Lebensmittelindustrie erprobt. Unternehmen wie Arda Biomaterials (UK) oder Vegea Srl (IT) entwickeln dabei lederähnliche oder faserbasierte Alternativen aus organischen Nebenprodukten. Unter Namen wie „New Grain“ oder „Wine Leather“ entsteht aus Biertreber bzw. Traubentrester ein lederähnliches Material für vegane Fashion Pieces, trendy Handtaschen, Autositze und Möbel. Bisher produzierte die Weinindustrie weltweit einen deutlichen Überschuss, der traditionell entsorgt oder zu Tierfutter, Tresterbrand (Marc, Grappa), Traubenkernöl oder -mehl verarbeitet wurde. Doch Traubentrester ist reich an Antioxidantien und Polyphenolen. Deshalb setzen Kosmetikhersteller wie die französische Marke Caudalie auf Traubenschalen-Extrakte für hochwertige Anti-Aging-Produkte.
Selbst die Straßenbaubranche ist auf die Reststoffe der Vinifikation aufmerksam geworden: Forscher der chilenischen Pontificia Universidad Católica untersuchen die Eigenschaft von Traubentrester als Asphalt-Stabilisator. Hierbei wird dehydrierter Traubentrester aufgrund seiner antioxidativen Eigenschaft eingesetzt, um die Alterung von Asphaltstraßen in besonders heißem Klima zu verzögern.
Ein besonders interessanter und nachhaltiger Ansatz von zeitgemäßem „outside the Box“-Denkens.
Jedoch nicht nur die Veredelung von Agrarresten aus der Getränkeindustrie ist Teil der Upcycling Revolution, sondern auch die Nutzung biologischer Naturstoffe wie z.B. Algen. Aus ihnen werden Stoffe für Sportsware und Fashion aber auch als Plastikersatz sind Algen ein hochspannendes Ausgangsmaterial. Das britische Unternehmen Notpla Ltd stellt aus Algen biologisch abbaubare Verpackungsfolien her, die Einwegplastik in Sportstadien ersetzen. Das mit dem Earthshot Prize ausgezeichnete Unternehmen hat auf diese Weise bereits über 20 Millionen Plastikartikel substituiert – ein starkes Signal für die Akzeptanz nachhaltiger Materialien und eine Aufforderung an die Welt, hier schnellstens nachzuziehen.
Bei Getränken wird mittlerweile auf unnötige Umverpackungen verzichtet oder dort, wo sie aus Transportgründen notwendig sind, auf nachhaltige Materialien und transportoptimierte Designs gesetzt. Echtes Upcycling lässt sich jedoch auch hier finden: die Kölner Palurec GmbH fertigt aus gebrauchten PE-Getränkekartons neue Basisprodukte für die Wellpappen-Industrie. Sozusagen eine Umwandlung von Verpackung zur Verpackung. Auf internationaler Ebene sind Beispiele wie die Herstellung von baumfreiem und biologisch abbaubarem Verpackungsmaterial aus organischen Resten, Gerstenstroh und Bananenfasern exemplarisch.
Zertifizierungen, Wettbewerbe und Gütesiegel sind ein wichtiger Schritt für mehr Transparenz und Kontrolle. Sie helfen dabei, nachhaltige Produkte sichtbarer zu machen und Vertrauen zu schaffen.
Gleichzeitig bleibt es auch in diesem neuen Geschäftsfeld wichtig, Themen wie Produktsicherheit, Allergenkennzeichnung, Qualitätssicherung und die Gefahr von Greenwashing zu berücksichtigen und zu kontrollieren.
Wer seine Reststoffe in den Müll wirft, verschwendet nicht nur wertvolle Ressourcen – sondern womöglich auch eine grandiose Geschäftsidee!
Auf der BrauBeviale werden genau diese Themen von 10.-12. November 2026 diskutiert. In der Pilot Area in Halle 9 werden Pilotprojekte wie polymeer der Universität Perugia, Waste2Value vom Weincampus Neustadt oder EAT BEER präsentiert, die sich mit der Wertschöpfung von Treber und Trester beschäftigen. Dabei sein lohnt sich …
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