Ein Beitrag von
Dr. Jörg Bückle
freier Autor und Branchenexperte
Das Optimierungspotenzial ihrer Prozesse treibt Brauereien gerade um. An welchen Stellschrauben lässt sich drehen? Welche Potenziale lassen sich noch erschließen. Produktentwicklung, Energie- & Ressourceneffizienz stehen dabei im Mittelpunkt der Überlegungen. Genau aus diesem Grund stehen diese Themen auf der BrauBeviale 2026 im Fokus. Ein Thema taucht in verschiedenen Facetten immer wieder auf: Wertschöpfung aus Nebenströmen.
Veröffentlicht am 04/11/2026
Ein Beitrag von
Dr. Jörg Bückle
freier Autor und Branchenexperte
Der Wettbewerbsdruck nimmt kontinuierlich zu. Verständlich, dass gerade Brauereien Wege suchen, um neue Wertschöpfungspotenziale zu erschließen. Verständlich auch, dass das gerne mit vertrauten Rohstoffen und vorhandenen Technologien erfolgen soll. Interessanterweise ist dabei der Blick auf die Inhaltsstoffe eines Bieres recht hilfreich. Auf Platz eins steht Wasser, bei dem Brauereien sowohl mit Blick auf die Qualität als auch die Vermarktung eine große Expertise angesammelt haben. Auf Platz zwei folgt Malz und damit auch Treber – ein Nebenprodukt, das mit seinem hohen natürlichen Proteingehalt ein starkes Ass im Ärmel hat.
Überschlägig fallen pro Liter Bier etwa 200 Gramm Treber an. Ein natürliches Getreideprodukt, bei dem für den Brauer in erste Linie der Stärke sprich Zuckergehalt von Interesse ist. Der Rest ging traditionell in die Tierzucht. Das Eiweiß wurde dann für den Menschen über den Umweg Tier zugänglich gemacht. Aber geht es nicht auch direkter, was unter vielfältigen Gesichtspunkten ein großer Vorteil wäre? Diese Frage stellten sich drei Absolventinnen der TU München und gingen daran, eine Milchalternative auf Basis von Biertrebern zu entwickeln und gründeten das Startup „Circular grain.“ Denn: Die gängigen pflanzlichen Milchalternativen basieren auf Rohstoffen wie Hafer, Soja oder Mandeln – und die müssen angebaut werden. Sie brauchen Flächen, Wasser und Dünger. Circular grain wollte es anders angehen: Sie wollten einfach das nutzen, was bereits da ist, und daraus etwas Neues machen. Sie entschieden sich für Biertreber.
Der Prozess dazu ist ebenso logisch wie smart: Die Proteine und Ballaststoffe werden nach der Läuterarbeit aus den Trebern mit Wasser extrahiert, dann die Lösung filtriert und mit Rapsöl sowie weiteren Zugaben wie Mineralstoffen zu einem cremigen Drink verarbeitet. Vom Läutern direkt ins Glas, ganz ohne Umweg. Ein weiteres Argument: Als Nebenstoff der Bierbereitung enthält der Treberauszug wenig Zucker. Folgerichtig, soll dieser doch von der Hefe verstoffwechselt werden.
Auf dem Weg von der Idee zum Produkt waren natürlich noch einige Hürden zu nehmen. So ergab sich mit steigender Extraktion eine bittere, getreideartige Note im Endprodukt. Ein Sachverhalt, der erfolgreich gelöst werden konnte. Seit Anfang November dieses Jahres ist die „Trebermilch“ unter der Marke „Tremi“ am Markt, mit einem Proteingehalt von 15 Gramm pro Liter, was etwa 50 Prozent mehr als der Durchschnitt handelsüblicher Haferdrinks bedeutet. Und das ist laut Circular grain noch nicht das Ende der Fahnenstange. Bei der Markteinführung erhält das Startup übrigens Unterstützung durch den Amazon Sustainability Accelerator. Das Förderprogramm begleitet nach Angaben von Amazon seit 2022 nachhaltigkeitsorientierte Startups in Europa und hat bislang mehr als 70 junge Unternehmen gefördert.
Ebenfalls auf die Proteine in den Trebern zielt Eat Beer Biotech GmbH, die Biotech-Schwester der Störtebeker Braumanufaktur, ab, jedoch mit einem anderen Ansatz. Das Unternehmen arbeitet daran, aus Biertrebern funktionale Proteine für Lebensmittel zu gewinnen und so neue Nebenströme und Wertschöpfungsketten zu entwickeln (siehe Titelbild). Eat Beer Biotech GmbH nutzt den beim Bierbrauen anfallenden Biertreber dabei als Nährsubstrat. Darauf wird das Myzel von Speisepilzen wie des Austernpilzes kultiviert. Aus dieser proteinreichen Biomasse entstehen dann Zutaten für Fleischalternativen, Backwaren, Snacks und perspektivisch weitere biobasierte Produkte.
In der Pilot Area auf der BrauBeviale stellt Eat Beer Biotech GmbH den Ansatz im Detail vor. Schauen Sie vorbei und kommen Sie mit den Menschen hinter der Idee ins Gespräch.
Ein weiteres Pilotprojekt zeigt dort, wie man aus Biertreber Biopolymere für Verpackungslösungen erzeugen kann.
Nicht verpassen: Pilot Area, Halle 9-631
Stichwort Pilze: In der Fachzeitschrift Brauindustrie beschrieb Gunter Pauli, der zwei Jahre zuvor die Zero-Emission-Initiative bei den Vereinten Nationen gegründet hatte, bereits 1998, dass Biertreber mit seinem Reichtum an Fasern das bevorzugte Grundnahrungsmittel von Pilzen wie Shitake, Austernpilzen oder Pfifferlingen sei. Der Fokus lag damals allerdings klar auf der Vermarktung des Endprodukts Pilz. Aber Pauli ging noch einen Schritt weiter: Er zeigte die Möglichkeit auf, Enzyme aus Regenwürmern zu gewinnen, die auf den übrig gebliebenen Proteinen des Trebers gedeihen. Enzyme, die beispielsweise bei der Waschmittelherstellung einen attraktiven Deckungsbeitrag erzielen sollten.
Doch zurück zum Hier und Jetzt: Vorgeschlagen wird von Seiten der Wissenschaft zum Beispiel in der Chemie Ingenieur Technik Ausgabe 11/2019, den Treberpresssaft als Fermentationsmedium zu nutzen. Allein es fehlt der Zucker. Die in den Trebern noch immer enthaltenen Kohlenhydrate könnten jedoch durch hydrothermale und enzymatische Verzuckerung jederzeit nutzbar gemacht und als Fermentationsgrundlage verwendet werden, so die Forscher. Das Resultat wären Plattformchemikalien wie zum Beispiel Milchsäure. Auch Präbiotika und Antioxidantien seien als Lebensmittelzusatzstoffe in reiner Form aus dem Treberpresssaft zu gewinnen. Dazu publizierte beispielsweise die TU Bergakademie Freiberg vielversprechende Forschungsergebnisse.
Für die Praxis einer Brauerei sind das allerdings eher noch zu komplexe Wege. Aber er zeigt, dass die Treber mit ihren Proteinen und Mineralstoffen sowie Spurenelementen prinzipiell eine gute Basis für eine Fermentation sind. Wie gesagt: Es fehlt halt der vergärbare Zucker. Aber könnte man den nicht zudosieren und dann beispielsweise mit Kombuchakulturen daraus eine interessante Getränkebasis herstellen? Gerade in der heutigen Marktsituation lohnt sich der Blick auf alle Nebenströme. Denn eins bleibt unumstößlich: Jeder bei der Entsorgung eingesparter Euro oder durch moderates „Upcycling“ mehr erwirtschaftete Deckungsbeitrag verbessert das
Betriebsergebnis überproportional oder sichert es zumindest zusätzlich ab. Was im Bereich Nebenstromverwertung aktuell möglich und welches Rüstzeug dazu notwendig ist, das zeigt vom 10. bis 12. November 2026 die BrauBeviale im Messezentrum Nürnberg in vielen interessanten Facetten - und zwar für jeden Hersteller und Abfüller von Bier, Mineralwasser, Erfrischungsgetränken, Säften, Wein, Sekt und Spirituosen.
Noch mehr zum Thema Nebenströme erfahren Sie auf der BrauBeviale in einem Vortrag von Daniel Anthes zum Thema: „Mehr als Bier – Warum & Wie Nebenströme zum Geschäftsmodell werden, wenn der Ausstoß sinkt“. Und im Wrap-up-Panel mit den Partnern der Pilot Area.